Juni 18

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Blackout

By peter

Juni 18, 2022


Das plötzliche NICHTS im Kopf

Das Nichts - die Leere, die totale Leere.
 
Das Herz pocht, die Temperatur steigt, der Raum wird kleiner.
Augen sind auf dich gerichtet - beobachten dich.
Die Luft wird dicker, die Kehle schnürt sich zu. 
Worte werden gesucht, für das, was du sagen willst - nein... wolltest. 
Doch sie sind verloren gegangen. Wo sind sie hin?
Panik kommt auf.
Abkühlung würde helfen, doch niemand öffnet das Fenster.
Gespenstige Ruhe im Raum, keiner bewegt sich. Merkt denn sonst niemand was?
Die Zeit steht still. Momente der Unendlichkeit nehmen ihren Platz ein - vergehen wollen sie nicht.
Du kennst dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das sich so unbeschreiblich paradox anfühlt! 
Wie bei einer OP, bei der Du aus der Narkose erwachst, Dich aber nicht bemerkbar machen kannst.
Dein Gefühl sagt Dir, Du solltest fliehen - du kannst aber nicht. Denn das würde dein Ansehen noch mehr ruinieren. Hohn und Spott müsstest Du über dich ergehen lassen - den Erwartungen der Anwesenden nicht gerecht geworden zu sein.
Du bist gefangen! 

Wer das einmal erlebt hat, der weiß, dass sich ein Blackout wie mit einem Brenneisen im Gedächtnis verewigen. Und sie wird Dein Leben verändern – nein, sie hat Dein Leben geändert. Denn von nun an bist Du gefühlt unsichtbar gebrandmarkt.

Üblicherweise stellen wir uns das Bild des Blackouts als Aussetzer in einer Prüfungssituation oder auf der Bühne vor. Jedenfalls in einer Situation mit erheblichem „Erwartungsdruck". Doch der Blackout hat noch viele andere Gesichter – das kannst Du in meinem anderen Beitrag lesen.

Lass mich dieses Monster namens „Blackout“ einmal auseinander nehmen – um ihm danach die Zähne zu ziehen.

Was macht den Blackout so unbeliebt?

Zuerst einmal: Auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala liegt der Blackout etwa bei Diarrhö. Mit dem Unterschied, dass der Blackout nachhaltiger ist.
Aber warum stelle ich ihn so bloß?
Na ganz einfach: Weil er nicht mehr zeitgemäß ist und sich total daneben benimmt. Er hat es also verdient!

Aber zurück zum Skript:

Warum ist der Blackout so furchteinflößend ?

Das hat gleich mehrere Gründe.
Der schwerwiegendste Punkt dürfte die Erfahrung der absoluten Hilflosigkeit sein.

Normalerweise können wir selbstbestimmt tun und lassen, was wir wollen. Doch bei einem Blackout ist das unerwartet anders:

Das Gedächtnis, sonst gleichend einer prall gefüllte Schrankwand mit Büchern, an denen man sich bedienen kann, ist komplett verschwunden.
Und was geschieht, wenn man nach Hause kommt und die Möbel sind weg: Man kriegt Panik – ist doch klar!
Erst recht, wenn man keine Anzeichen eines Einbruchs feststellen kann.

So etwa verhält es sich mit dem Blackout. Es gibt eigentlich keinen rational nachvollziehbaren Grund für Nervosität. Die Zuschauer sind i.d.R. eher unbewaffnet, selbst das Eierwerfen ist aus der Mode gekommen – aber man hat trotzdem Aussetzer. Es ist gespenstisch.

Der zweite Punkt ist, dass das eigene „Versagen“ in Anwesenheit von Zeugen geschieht. Wir sehen uns bloßgestellt und damit blamiert. Weil wir selbst wissen, dass auch das Publikum keinen Grund zur Minderleistung sehen kann. Das erscheint uns peinlich. Aber ist es das denn wirklich?

Diese schmerzliche Erfahrung des Kontrollverlustes führt zu erheblichen Zweifeln an der eigenen Verlässlichkeit. Das Selbstvertrauen ist in diesem Punkt jedenfalls erschüttert.
Wie sollte es bei einer halbwegs reflektierenden Gehirnfunktion anders sein? Schließlich werden negative Erfahrungen „abgespeichert“ – sinnvollerweise, um uns vor künftigen Gefahren zu schützen.

Ich halte es für eine nicht unbedingt „unschlaue“ Reaktion auf ein solches Trauma – denn das ist ein Blackout – wenn sich der Delinquent folgende Frage stellt: Was, wenn ein solch heimtückischer Funktionsaussetzer auch in anderen Situationen auftreten könnte? Man sollte auf der Hut sein.

Und nun?

Wie wir künftig mit ähnlichen Situationen umgehen, hängt ganz klar damit zusammen, was wir aus dem Erlebten machen – d.h. wie wir es interpretieren.

Die sicherlich "beliebteste" Methode besteht darin, danach zum „Tagesprogramm“ überzugehen und die Angelegenheit zu verdrängen. Für den Gequälten ist es schwierig, die richtigen Worte für diese regelrecht intime Ausnahmesituation zu finden, und Orte bzw. Räume, zur angemessenen Nachverarbeitung gibt es schlicht wenige in unserer Gesellschaft. Gewiss wird sich niemand deswegen in psychologische Behandlung wegen des „Vorfalls“ begeben - das erscheint lächerlich. Und außerdem, wer sowas braucht – der hat doch richtig einen an der Klatsche, oder nicht?

Vielleicht – aber auch nur vielleicht, kommt die Blackout-Situation im Gespräch mit einer nahestehenden Person zur Sprache.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird man dabei hören, dass das eigentlich gar „nicht so schlimm“ war. Und dass die entsprechende Person das kennt – selbst auch schon mal hatte. Und man soll sich da keine so großen Gedanken drum machen.

Doch genau da liegt der Punkt, der unsere Selbstwahrnehmung endgültig spaltet: DER BLACKOUT WAR VERDAMMT VERHEEREND – innerlich, für einen selbst.
Jedoch war davon außen wenig sichtbar, löst daher kaum Mitgefühl aus und ist nüchtern betrachtet für den Zuschauer eher „langweilig“. Solange man nicht ohnmächtig umgekippt, sich dabei die Stirn am Rednerpult aufschlägt, oder sich im Strahl über die ersten Sitzreihen übergibt – solange wird das Publikum eher wenig beeindruckt sein.
Ja, ich überzeichne hier extra stark - denn durch die Medien sind wir abgestumpft.

Diese gegensätzlichen „Universen“ der Wahrnehmung führen dazu, dass man nun ins Zweifeln kommt: Innerlich war der GAU, der größte anzunehmende Unfall, eindeutig als Gefühl zu spüren, und außen bekommt man kaum Rückmeldungen. Außer eben, dass das gar nicht so schlimm war.

Die Kausalitätsmaschine im Kopf kombiniert: Wenn es bei Anderen gar nicht so schlimm ist, oder war – irgendwie kennt ja jeder den Blackout – dann kann man selbst ja nur ein ganz besonders schwerer Fall sein. Praktisch der Prototyp des fleischgewordenen Defekts. Irreparabel. Mängelware.

Nicht selten geht die „Aufarbeitung“ damit weiter, sich Selbstvorwürfe zu machen. „Was genau ist da passiert mit mir?“. „Warum habe ich versagt?“ – darum kreisen jetzt die Gedanken.
Die Schuld den Zuschauern zuzuweisen fällt in diesem Fall schwer – schließlich sind keine faulen Eier geflogen, Tumulte sind nicht ausgebrochen, …

Damit allein gelassen, ist der Weg frei zu eigenen Demontage: Der Fehler muss wohl in einem selbst liegen! Und da er nicht richtig lokalisierbar bzw. nachvollziehbar ist, kann man auch zur Auffassung gelangen: Man ist in dieser Disziplin „kaputt“.


Und was macht man mit Angelegenheiten, die einen äußerst unangenehmen Charakter haben:
Man geht ihnen aus dem Weg!
Ohne den Schimmer einer Lösungsstrategie würde alles Andere auch keinen Sinn ergeben. Wenn man nicht mal weiß, warum der Blackout auftritt, wie sollte man ihm dann wirksam begegnen – ihn beim nächsten Mal verhindern?

Also: Peinliche Angelegenheit in eine Kiste rein, zunageln, und ab in den Keller oder auf den Dachboden damit. In die hinterste Ecke. Und hoffen, dass man da nur nie wieder ran muss.

Tatsächlich sind auch vermeintlich tröstende Worte in Form von „war ja gar nicht so schlimm“ alles andere als hilfreich. Gut gemeint, aber leider falsch. Sie verstärken nur noch weiter das innere Gefühl davon, nicht in Ordnung zu sein. Denn der Blackout war für die betroffene Person definitiv ein sehr unangenehmes Erlebnis, also nicht „nicht so schlimm“.

Wegsperren, Leugnen …und der Dinge harren

Dass das „Wegsperren“ oder Leugnen unangenehmer Erlebnisse nicht unbedingt zu den optimalen Lösungen gehört, das ist hinlänglich bekannt. Trotzdem gehört diese „Technik“ zu einer der beliebtesten überhaupt.
Das Problem daran: Es führt zu weiteren Problemen in der Zukunft. Denn diese „dunkle Kiste“ im Keller, die ist besonders interessant für andere Menschen. Warum? Weil Menschen von sich aus neugierig sind und von geheimnisvollen, verschlossenen Kisten angezogen werden.

Ich plädiere daher dafür, die Kiste aus dem Keller zu holen und sich den Inhalt mal zu betrachten.

Wie läuft der Blackout ab? Die Anatomie des Gedächtnisverlustes…

Lass uns das „Monster“ Blackout doch mal anschauen. Nüchtern betrachtet passiert doch Folgendes:

Du hast einen „Auftritt“. Es sei mal dahingestellt, ob das vor „nur“ drei oder sogar dreihundert Personen ist. Jeder reagiert da anders. Jedenfalls ist die Aufmerksamkeit Anderer auf Dich gerichtet.

Doch was bedeutet das genau?

Es wird eine Erwartung an dich gestellt – die Erwartung, dass du dich äußerst. Vielleicht darfst du ein Referat halten, oder deine Meinung ist gefragt. Prinzipiell ganz gute Hinweise dafür, dass du in einer Gemeinschaft integriert und gesehen wirst, oder?

Was nun aber passiert ist, dass du in Stress gerätst. Aus Gründen, die vermutlich noch viel weiter zurück liegen. Vielleicht hast du im Kindergarten oder sogar in der eigenen Familie öfters Dämpfer bekommen oder ungünstige Vorbilder gehabt. Das lässt sich oft nicht mehr nachvollziehen.
Du gerätst also initial in Stress und das führt praktisch automatisch zum nächsten Schritt: Dein Gedächtnis steht nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Das wiederum ist Anlass für die nächste, höhere Dosis an Stresshormonen: „Mist, was mach' ich jetzt nur? Alles ist weg“.
Die Lage in dir eskaliert: Der Tunnelblick setzt ein, die Zeit wird gedehnt bis auf das Unendliche. Energiereserven werden bereitgestellt für den Kampf oder die Flucht. Du wechselst die Farbe, fängst prophylaktisch schon mal an zu schwitzen… Und merkst mehr und mehr, wie dir die Kontrolle entgleitet.

Es dürfte an dieser Stelle klar werden, wie man da rauskommt: Eigentlich nur durch Verlassen des Tatorts. Oder man geht erst gar nicht hin… Alles sehr, sehr „suboptimal“.


Es sei denn…

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen denjenigen, die einen Auftritt oder einen Vortrag so spielerisch meistern, und vielleicht Dir?

Die Lösung

Beim Blackout haben wir es mit einem Relikt aus der Urzeit zu tun. Es soll uns vor unseren Feinden schützen.
Mittlerweile geht die Menschheit aber aufrecht und wir können die Kontrolle über uns zurückgewinnen.
Wenn man nur weiß, wie…

Aber zurück zu einer wirklich wichtigen Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Bühnenprofi und dir? Haben z.B. Schauspieler kein Lampenfieber, oder sind sie vor einem Blackout irgendwie geschützt?

Ich habe mir den Unterschied früher durch genetische Disposition erklärt: Entweder man ist zum Redner geboren, oder eben nicht.
Das macht es übrigens auch ziemlich bequem: Was man nicht ändern kann, da braucht man sich auch nicht mit beschäftigen – nennt man auch Komfortzone.

Fakt ist allerdings: Lampenfieber haben praktisch alle Menschen vor ihren Auftritten. Aber das wird fast nie gezeigt!
Es ist auch nicht Teil irgendeines Lehrplans unserer Schulen.
Ganz im Gegenteil: Heranwachsende sollen Referate vor der Schulklasse halten und selbst herausfinden, dass sie damit überfordert sind. Glücklich kann sich schätzen, wer Eltern mit Bühnenpräsenz hat, die auch den gekonnten Weg des Scheiterns auf der Bühne vermitteln können – ohne das Gesicht zu verlieren.

Nur der unterschiedliche Umgang mit Stress trennt somit diejenigen voneinander, die auf der Bühne erfolgreich sind und diejenigen, die daran scheitern.

Das macht alle Menschen gleich in diesem Punkt, auch wenn wir doch alle Individuen sind.

Leider gibt es auch etliche Fälle von „Stars“, die dem Druck nicht wirklich standhalten. Sie retten sich mit Medikamenten, Alkohol oder technischen Hilfsmitteln über die Runden. Dabei ist all das gar nicht nötig. Es ist viel einfacher möglich, die Redeangst in ihre Schranken zu weisen.

Es tut manchmal gut zu sehen, dass auch andere scheitern - also menschlicher Natur sind. Daher möchte ich dir folgendes Video nicht vorenthalten:
Auf YouTube kann man sich einen dramatischen Auftritt von Star-Regisseur Michael Bay anschauen: Weil sein Teleprompter Probleme hatte, verließ Bay nach einer Minute wieder die Bühne bei gefülltem Saale. In seiner Position kann man sich eigentlich die besten Coaches leisten. Das hatte er wohl „versäumt“.


Zusammenfassung

Lampenfieber haben selbst routinierte Profis. Und vor Blackouts sind sie auch nicht gefeit.
Doch was macht den Unterschied? Zwischen denjenigen, die "die Bühne" fürchten und denjenigen, die gerade diese aufsuchen.

Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Bühnenmenschen das "Scheitern" mit einkalkulieren, womit es dann kein Scheitern mehr ist. Sie rechnen schlicht damit, dass es passiert und entwickeln bzw. trainieren genau für diesen Fall eine Gegenstrategie.

Diese kann darin bestehen, Techniken anzuwenden, um die Lage schnell wieder in den Griff zu bekommen, oder die richtigen Cracks machen sogar eine Show aus ihrem vermeintlichen Fehler.

Der wichtigste Punkt liegt also darin, sich einfach nur bewusst zu machen, dass der Blackout jederzeit kommen kann. Und für diesen Fall dann ein Szenario vorzuhalten, das einen wieder rausholt.

Und wenn Du schon hier unten im Text angelangt bist, möchte ich Dir noch etwas mitgeben:

Du hast einen Vorteil!

Wenn Du den Blackout kennst, d.h. wenn Du weißt, wie sich das anfühlt, dann hast Du einen großen Vorteil gegenüber denjenigen, die bisher immer unbeschwert im Rampenlicht standen und genau dieses Gefühl nicht kennen. Denn da Du das Gefühl aufkommender Panik kennst, kannst Du - wie oben schon beschrieben - vorher Strategien entwickeln und trainieren, um gegenzusteuern, wenn das Gefühl kommt.
Als konkrete Hilfe empfehle ich Dir, einmal die folgende Übung wie in meinem Video gezeigt zu durchlaufen, um Deinem Gehirn die genaueren zeitlichen Abläufe klarzumachen.

Click to play

Du kannst also heute schon beginnen, Dich wappnen und musst den Blackout in Zukunft nicht mehr fürchten. Du bist dann nie mehr bloßgestellt, wie beispielsweise Michael Bay in der Pressekonferenz.

In meinen Kursen kannst Du weitere Methoden kennenlernen, um Sicherheit im Umgang mit vermeintlich unangenehmen Situationen zu bekommen.

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